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Donnerstag, 28. September 2017

Menschen und Geschichten aus Riehen. Die Büglerin

1922 erblickte sie im kleinen Örtchen Brombach nahe dem gleichnamigen See in der bayrischen Provinz das Licht der Welt. Ihr Vater, der gebürtiger Schweizer war, emigrierte zuvor nach Deutschland, um dort auf einem Bauernhof eine Anstellung als Hilfskraft anzutreten. Das entbehrungsreiche aber dennoch beschauliche Leben auf dem Land war plötzlich vorbei als der Vater sich 1934 weigerte der erstarkenden NSDAP beizutreten. In der Folge wurde der gesellschaftliche Druck auf ihn derart stark, dass er seine Anstellung verlor und damit rechnen musste von niemandem mehr eingestellt zu werden. Es blieb nur die Rückkehr in die Heimat, wo der Vater eine Arbeit auf dem Bau fand. Diese brachte sicherlich nicht viel Geld ein, doch es reichte der Familie zum Überleben. Den grossen Wunsch der Tochter, konnte der Vater ihr aufgrund der knappen finanziellen Verhältnisse jedoch nicht erfüllen. 

 

Büglerin:

Ich wollte immer im Büro arbeiten.

 

Da das Geld aber nicht ausreichte, um ihr diese Ausbildung zu finanzieren und sie die Familie nach Beendigung der Schule finanziell unterstützen musste, begann sie eine Lehre in einer Wäscherei in der Mittleren Strasse in Basel. Dort lernte sie das Bügeln, dass sie fortan ein Leben lang begleiten sollte.

 

Büglerin:

Wir haben täglich 10 Stunden geschuftet. Die Vorgabe war etwa 10 bis 12 Minuten pro Hemd. Es musste perfekt sein! Um das Arbeitstempo zu halten, bügelten wir immer mit zwei Eisen, damit das eine sich ausruhen und wieder richtig aufheizen konnte. Sie müssen sich vorstellen, dass die Arbeit dermassen anstrengend war, dass wir während des Krieges sogar Essensmarken für Schwerarbeiter bekamen.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Hat sich diese Anstrengung finanziell wenigstens gelohnt?“

 

Kaum, lautete die zu erwartende Antwort. Der Anfangslohn betrug bescheidene 50 Rappen in der Stunde. Wir rechnen kurz nach. Bei durchschnittlich zehn Arbeitsstunden am Tag, ergibt sich somit ein Monatslohn von etwa 100 Franken.

 

Büglerin:

Das war zwar nicht viel, man muss jedoch auch bedenken, dass ein Pfund Brot nur 34 Rappen kostete. Ich möchte auch betonen, dass ich mich nie als arm empfand. Es ging doch allen so!

 

Gleichwohl war an eine eigene Wohnung mit diesem Lohn nicht zu denken. So weit sie sich erinnern könne, kostete diese damals ca. 80 Franken. Erst nach dem Krieg gab es eine etwas üppigere Lohnerhöhung auf 1 Franken pro Stunde.
So bliebt ihr vorläufig, nach dem Auszug bei den Eltern, nur die Möglichkeit sich in Untermiete ein Zimmer zu nehmen. Ihres bezog sie im Jahre 1938 an der Schützengasse in Riehen. Sie erinnere sich, dass es zahlreiche solcher Zimmer zur Untermiete in Riehen gab, womit sich viele Familien einen notwendigen Zusatzverdienst verschafften.
Auch nach ihrer Heirat wollte sie die Gemeinde nicht verlassen. So zog es beide 1950 in die Neumatten, nahe dem Rauracherzentrum, wo sie bis anhin wohnt.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Können sie uns noch etwas zu den Kunden sagen bzw. gibt es Kunden oder Erlebnisse, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?“

 

Büglerin:

Ich erinnere mich an einen Professor, der immer seine Frackhemden in die Wäscherei brachte. Diese waren besonders kompliziert zu bügeln. Glücklicherweise konnte man die Manschetten abnehmen und separat bügeln.

Eine besonders positive Erinnerung habe ich an eine gutbetuchte Basler Dame, die bereits im Altersheim war. Sie schenkte mir zur Konfirmation ein mit meinem Namen personalisiertes Gesangsbuch, worüber ich mich unheimlich freute. Überhaupt muss ich sagen, dass ich immer viel Trinkgeld erhielt.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Und was haben sie mit dem Trinkgeld gemacht?“

 

Büglerin:

Ich leistete mir mein erstes Velo. Wenn ich darüber nachdenke kostete es mich damals ein Vermögen, nämlich einen ganzen Monatslohn. Aber ich war derart glücklich, dass ich fortan selbst durch die Stadt fahren konnte, anstatt ewig im Tram zu sitzen.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Wissen sie noch welche Farbe es hatte?“

 

Büglerin:

Natürlich. Es war knall orange. Ich hegte und pflegte es und wusch jeden noch so kleinen Schmutz ab.


 

 Büro für Dorfgeschichten:

„Haben Sie es je bereut, diesen beruflichen Weg eingeschlagen zu haben?“

 

Büglerin:

Eigentlich nicht.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Gab es zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit den Beruf zu wechseln?“

 

Büglerin:

Vielleicht. Als ich 1945 meinen Mann, einen ehemaligen Schulkollegen, heiratete und mit ihm zusammenzog, ergab sich glücklicherweise die Möglichkeit mich als Büglerin selbstständig zu machen und von zu Hause aus zu arbeiten. Dadurch änderten sich die Arbeitsbedingungen für mich noch einmal sehr positiv, weshalb ich nicht mehr übers Wechseln nachdachte. Dazu muss ich sagen, dass meine Selbstständigkeit schnell anlief und ich mir im Handumdrehen einen grossen Kundenstamm erarbeiten konnte.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Kennen sie das Sprichwort: Gut aufgehängt ist halb gebügelt?“

 

Büglerin:

Das stimmt 100 prozentig!

 

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fragen wir uns, wie ein gut gebügeltes Hemd eigentlich aussehen sollte. Spontan bitten wir die Dame um eine Vorführung. Sie willigt ein, gibt aber zu bedenken, dass sie zuerst wissen müsse, um was für ein Material es sich handelt. Es sei entscheidend die richtige Einstellung am Bügeleisen zu wählen. Beherzt greift sie mit einer Hand nach dem Hemd, ohne nach dem Etikett zu schauen. Es sei reine Baumwolle, sagt sie kurzerhand. Anschliessend demonstriert uns die 95 jährige Dame, dass sie ihren Beruf immer noch perfekt beherrscht. Wir sind erstaunt, wie adrett die Hemden jeweils für die Kunden gebügelt werden mussten.
Natürlich wollen auch wir Jungen uns nicht lumpen lassen und bügeln einen Ärmel des Hemdes. Dabei stellt uns der Profi ein gutes Zeugnis aus. Glück gehabt!

 Als unser Interview sich langsam dem Ende zuneigt, drängt sich eine abschliessende Frage förmlich auf.

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Haben sie sich je Gedanken darüber gemacht, wie viele Hemden sie in ihrem Berufsleben gebügelt haben?“

 

Büglerin:

Nein. Glücklicherweise musste ich nicht nur Hemden bügeln. Zwischendurch gabs auch ein Leintuch und anderes. Hauptsächlich habe ich jedoch Hemden gebügelt. Stellen sie sich vor, ich hatte eine gute Freundin, die beruflich dasselbe machte und Tag ein Tag aus ausschliesslich Hemden bügelte. Ich will es mir gar nicht ausmahlen!

 

Büro für Dorfgeschichten:

„Bei ca. 60 Hemden am Tag, hätten sie 15'600 Hemden im Jahr gebügelt. Da sie 50 Jahre berufstätig waren, ergibt das eine Gesamtsumme von 780'000 Hemden. Nun haben sie glücklicherweise nach eigenem Bekunden nicht nur Hemden gebügelt. Trotzdem ist anzunehmen, dass es etwa eine halbe Million Hemden waren...“

 

Sowohl der älteren Dame, als auch uns fehlen angesichts dieser Dimensionen für kurze Zeit die Worte. Anschliessend ist sie es, die das Schweigen bricht.

 

Büglerin:

Wenn mir das bewusst gewesen wäre, hätte ich gleich aufgehört!

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